Politik

Bayerns vergessene Jahre: Die Viererkoalition ohne CSU

Seit 1957 stellt die CSU ununterbrochen den bayerischen Ministerpräsidenten. Doch es gab eine kurze Phase, in der das Gegenteil galt. Drei Jahre lang regierte der Freistaat ohne die Christlich-Soziale Union. Neu veröffentlichte Protokolle aus dem Jahr 1955 erinnern an dieses fast vergessene Kapitel.

Die Landtagswahl von 1954

Bei der Landtagswahl im November 1954 verlor die CSU die Mehrheit. Die SPD schmiedete daraufhin eine sogenannte Viererkoalition mit drei weiteren Parteien, die sich gegen die CSU zusammenfanden. Es war das erste und bislang einzige Mal in der bayerischen Nachkriegsgeschichte, dass die CSU in die Opposition musste.

Die CSU hatte damals einen schwachen Wahlkampf geliefert, ihre Umfragewerte lagen so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. Die anderen Parteien nutzten die Gelegenheit und bildeten eine Koalition, die den Freistaat von München aus führte.

Die Protokolle von 1955

Nun sind Protokolle der Viererkoalition aus dem Jahr 1955 veröffentlicht worden. Die Dokumente geben Einblick in eine politisch turbulente Zeit. Bayern war damals noch weit entfernt von der späteren CSU-Dominanz.

Die Protokolle zeigen: Koalitionen aus mehreren Parteien sind in Bayern keine Erfindung der Gegenwart. Schon in den 1950er Jahren mussten unterschiedliche politische Lager miteinander verhandeln, Kompromisse waren Alltag. Das Regieren ohne klare Mehrheit einer einzelnen Partei prägte den politischen Stil jener Jahre.

Das Ende der Koalition: Oktober 1957

Am 8. Oktober 1957 zerbrach die Viererkoalition. Die CSU gewann die Landtagswahl klar und übernahm wieder die Regierungsverantwortung. Seitdem hat sie den Freistaat durchgehend regiert.

Von den rund 70 Jahren CSU-Regierung entfielen 50 Jahre auf Phasen mit absoluter Mehrheit. Ministerpräsidenten wie Alfons Goppel, Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber und Horst Seehofer regierten jeweils mehr als zehn Jahre. Goppel hält mit 16 Jahren den Rekord.

Bayerns politische Geschichte vor der CSU

Die Viererkoalition war nicht die erste Regierung ohne die CSU. Vor dem Zweiten Weltkrieg existierte die Partei noch gar nicht. Bayern wurde damals von bürgerlichen Koalitionsregierungen geführt, die Ministerpräsidenten hießen Kahr, Lerchenfeld, Knilling und Held.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs formierten sich die politischen Kräfte neu. Die CSU wurde als Nachfolgerin der früheren Bayerischen Volkspartei gegründet, um ein Gegengewicht zu SPD und KPD zu bilden. Zunächst gelang ihr das nur bedingt. In den ersten Nachkriegsjahren gab es wechselnde Koalitionen ohne stabile Mehrheit für eine einzelne Partei.

Der Weg zur Dominanz

Erst nach 1957 festigte die CSU ihre Stellung. Sie entwickelte eine starke regionale Identität, wuchs politisch mit dem Freistaat zusammen und vertrat bayerische Interessen auch auf Bundesebene. Die absolute Mehrheit erlangte sie mehrfach und hielt sie über Jahrzehnte. Erst 2008 verlor sie sie erstmals seit langer Zeit. Seitdem regiert die CSU in Koalitionen, zuletzt mit den Freien Wählern seit 2018.

Geschichte als Spiegel der Gegenwart

Die neu veröffentlichten Protokolle der Viererkoalition zeigen, dass Bayern auch ohne die CSU regierbar war. Sie erinnern daran, dass politische Mehrheiten nicht selbstverständlich sind. Die drei Jahre von 1954 bis 1957 belegen das.

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