Energiewirtschaft

Bayerns Windkraft lahmt: Drei Anlagen statt Tausend

Bayern will bis 2030 tausend neue Windräder errichten. Der Freistaat startete das Jahr mit drei. Drei Anlagen gingen im ersten Quartal in Betrieb. Baden-Württemberg, deutlich kleiner, schaffte im gleichen Zeitraum 15. Die Zahlen liefern Zündstoff für eine politische Auseinandersetzung rund um Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger.

Magere Bilanz im Vergleich mit den Nachbarn

Der Rückstand gegenüber anderen Bundesländern ist offensichtlich. Baden-Württemberg errichtete im ersten Quartal fünfmal so viele Windräder wie Bayern. Dabei hat der Freistaat eine deutlich größere Fläche. Aiwanger selbst beziffert das Potenzial: Rund drei Prozent der bayerischen Fläche seien für Windkraft geeignet. Das entspricht einer beachtlichen Reserve. Genutzt wird sie bislang kaum.

Die SPD nutzte die Zahlen für eine direkte Attacke auf den Freie-Wähler-Minister. Aiwangers angekündigter Windkraft-Turbo sei ausgeblieben. Die Kritiker verwiesen auf die große Lücke zwischen Versprechen und Realität. Aiwanger wies die Vorwürfe zurück. Die Kritik sei irreführend, sagte er. Er mahnte zur Geduld.

Die Last der 10-H-Regel

Der Rückstand hat historische Wurzeln. Jahrelang blockierte die sogenannte 10-H-Regel den Windkraftausbau in Bayern faktisch vollständig. Die Regelung schrieb vor: Ein Windrad muss mindestens das Zehnfache seiner Höhe von der nächsten Wohnbebauung entfernt stehen. Bei modernen Anlagen mit mehr als 200 Metern Höhe bedeutete das Abstände von über zwei Kilometern. Geeignete Standorte wurden damit zur Rarität.

Die Regel ist inzwischen gelockert worden. Doch die Wirkung zeigt sich nicht sofort. Genehmigungsverfahren dauern Jahre. Projekte, die heute bewilligt werden, gehen erst später ans Netz. Aiwanger argumentiert mit genau dieser Verzögerung. Die Pipeline sei gefüllt, der Ausbau komme in Schwung.

Ziel 1.000 Windräder bis 2030: Realistisch oder unrealistisch?

Das offizielle Ziel der Staatsregierung ist klar formuliert: 1.000 neue Windräder bis 2030. Rechnet man vom heutigen Stand, bleiben dafür weniger als sechs Jahre. Bei drei Anlagen im ersten Quartal müsste Bayern das Tempo drastisch steigern. Mehr als 160 Anlagen pro Jahr wären nötig, um das Ziel zu erreichen.

Aiwanger verweist auf geplante Projekte im Wald und auf staatlichen Flächen. Auch im ChemDelta Bavaria, dem Chemiestandort rund um Burghausen und Waldkraiburg, soll Windkraft Versorgungslücken schließen. Die Industrie dort braucht verlässliche Energiequellen. Der Wirtschaftsminister verkauft den Ausbau als Antwort auf diesen konkreten Bedarf.

Repowering als Ergänzung zum Neubau

Parallel zum Neubau rückt das sogenannte Repowering in den Fokus. Dabei werden alte Windräder durch moderne, leistungsstärkere Anlagen ersetzt. Ein Beispiel liefert die Alexanderschanze: Dort verzichtete Betreiber Hansjörg Schmelzle auf drei geplante Neuanlagen. Stattdessen konzentriert er sich auf das Repowering der bestehenden Anlage. Das zeigt die Prioritäten vor Ort.

Repowering bietet Vorteile. Die Standorte sind bekannt und genehmigt. Die lokale Akzeptanz ist oft höher. Die Leistung steigt trotzdem erheblich. Kritiker hingegen sehen darin keinen vollwertigen Ersatz für den Zubau neuer Standorte.

Windkraft als politisches Streitfeld

Die Debatte um Bayerns Windkraftausbau ist längst keine rein technische Frage mehr. Sie ist ein politisches Streitfeld. Die SPD nutzt die schwachen Quartalszahlen als Munition gegen die Staatsregierung. Aiwanger kontert mit Verweis auf volle Auftragsbücher und laufende Verfahren. Die CSU, einst Erfinderin der 10-H-Regel, hält sich im aktuellen Schlagabtausch zurück.

Aiwanger räumt ein, dass Bayern geografisch und meteorologisch nicht die günstigsten Voraussetzungen hat. Viele Regionen in Deutschland seien für Windkraft rentabler als der Freistaat, sagte er. Die Mittelgebirgslagen und die Topografie stellen tatsächlich höhere Anforderungen an Standortplanung und Wirtschaftlichkeit.

Fazit: Geduld allein reicht nicht

Drei Windräder in drei Monaten sind kein Turbo. Das ist eine nüchterne Feststellung, keine politische Wertung. Bayern hat das Ziel, ein Drittel seines Stroms bis 2030 aus Windkraft zu gewinnen. Der aktuelle Ausbaustand liegt weit darunter. Geduld ist eine Tugend. Doch ohne beschleunigte Genehmigungsverfahren und klare Standortentscheidungen wird aus dem Versprechen kein Ergebnis. Die kommenden Quartale werden zeigen, ob Aiwangers Turbo wirklich zündet.

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"