IT & Kommunikation

Quantifizieren von Cyberrisiken – was das Top-Management heute benötigt

Man stelle sich folgende Situation vor: Der Vorstand möchte wissen, welchen finanziellen Schaden ein ernsthafter Cyberangriff anrichten könnte. Was folgt, ist in den meisten Unternehmen eine Präsentation voller Fachbegriffe – Bedrohungsszenarien, Schwachstellenklassen, Kontrollmechanismen. Die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet.

Das ist kein Einzelfall. Nach solchen Sitzungen herrscht häufig dieselbe Unsicherheit wie zuvor: Ist das Budget für Cybersicherheit angemessen? Fließt es dorthin, wo es gebraucht wird? Oder wird an den falschen Stellen investiert?

Wer glaubt, das liege an mangelnder Vorbereitung oder fehlender Expertise, irrt nicht selten. Das Problem sitzt oft tiefer – es ist methodischer Natur. Lösungswege liegen in einem veränderten Mindset und den Möglichkeiten der modernen Cyberrisiko-Bewertung

Zwei Welten, die aneinander vorbeireden

Dass Cybersicherheit Führungssache ist, hat sich als Erkenntnis durchgesetzt. Die Beweislage ist eindeutig: Produktionsstillstände durch Schadsoftware, millionenschwere Lösegeldforderungen, Datenverluste mit regulatorischen Folgen – solche Vorfälle treffen Unternehmen aller Branchen und hinterlassen Spuren in Bilanzen und Reputation gleichermaßen.

Vorstände stehen unter zunehmendem Druck, diese Risiken nicht nur zu benennen, sondern aktiv zu managen. Die Instrumente, die dafür bislang zur Verfügung stehen, wurden jedoch für einen anderen Zweck entwickelt. Klassische Risikomodelle arbeiten sich von einzelnen IT-Systemen nach oben vor – sie erfassen Bedrohungen auf Asset-Ebene, schätzen Angriffswahrscheinlichkeiten und versuchen, aus dieser Detaildatenmenge ein Gesamtbild zu destillieren.

Das funktioniert für technische Sicherheitsteams, die konkrete Schutzmaßnahmen planen. Für eine Vorstandsdiskussion über Risikobudgets und strategische Prioritäten taugt dieser Ansatz wenig: Er ist zu aufwendig, zu kleinteilig und erzeugt Ergebnisse, die außerhalb der IT kaum jemand einordnen kann.

Was Führungskräfte tatsächlich wissen müssen

Die relevanten Fragen auf Unternehmensebene klingen anders. Nicht: Mit welcher Wahrscheinlichkeit wird ein bestimmtes System erfolgreich angegriffen? Sondern: Welche finanziellen Konsequenzen hätte ein schwerwiegender Vorfall für unser Geschäft?

Welche Unternehmensbereiche sind besonders exponiert? Und stimmt die Verteilung unserer Schutzmaßnahmen mit der tatsächlichen Risikolage überein? Um diese Fragen zu beantworten, braucht es einen Perspektivwechsel. Anstatt bei Systemen und Infrastruktur anzusetzen, muss die Analyse bei dem beginnen, was auf dem Spiel steht: der wirtschaftlichen Substanz des Unternehmens.

Welche Bereiche tragen wie viel zum Gesamtergebnis bei? Was bedeutet ein Ausfall – auch nur vorübergehend – für Umsatz, Lieferkette, Kundenbeziehungen oder die regulatorische Stellung? Solche Größen lassen sich auch ohne vollständiges IT-Inventar beziffern.

Was die Versicherungspraxis lehrt

Die Versicherungswirtschaft – und hier vor allem die Rückversicherung – hat mit genau dieser Herausforderung jahrelange Erfahrung. Wer Cyberrisiken für Tausende von Unternehmen kalkulieren muss, kann sich keine monatelangen Detailanalysen leisten.

Stattdessen sind Methoden entstanden, die aus einer begrenzten Zahl unternehmensrelevanter Parameter zu verlässlichen Risikoeinschätzungen kommen – ohne technische Tiefenbohrung, aber mit statistisch abgesicherter Grundlage. Dieses Erfahrungswissen findet zunehmend Eingang in Analysewerkzeuge, die auch für Unternehmen außerhalb der Versicherungsbranche nutzbar sind.

Das verändert den praktischen Aufwand erheblich. Statt umfangreicher Datenerhebungen reichen wenige strukturierte Angaben zum Unternehmen, seinen relevanten Risikofeldern und dem Stand der Sicherheitsmaßnahmen. Was früher Monate in Anspruch nahm, lässt sich so in wenigen Tagen abbilden.

Eine andere Grundlage für Vorstandsentscheidungen

Für Unternehmenslenker und Finanzverantwortliche ergibt sich daraus eine veränderte Ausgangslage. Statt technischer Lageberichte steht ein finanziell formuliertes Risikobild zur Verfügung:

Wo im Konzern konzentriert sich das Schadenspotenzial? Wie wirken sich geplante Sicherheitsinvestitionen auf das Risikoprofil aus? Und bewegt sich das Gesamtrisiko innerhalb der definierten Toleranzgrenzen? Besonders für Konzernstrukturen mit mehreren Geschäftsbereichen, internationalen Standorten und unterschiedlich entwickelten Sicherheitsstandards in den Tochtergesellschaften gilt: 

Eine konsolidierte Gesamtsicht kaum anders zu gewinnen. Bottom-up-Modelle stoßen hier nicht nur an Kapazitätsgrenzen – sie sind laut Fachleuten für diese Fragestellung schlichtweg nicht konzipiert.

Risiko als Steuerungsgröße

Der eigentliche Gewinn liegt nicht in schnelleren Analysen, sondern in dem, was sie ermöglichen. Cyberrisiken, die in Euro und Cent ausgedrückt sind, lassen sich in bestehende Risikosteuerungsprozesse integrieren – genauso wie Marktrisiken, Kreditrisiken oder operative Risiken.

Budgets können gezielt begründet, Versicherungslösungen passgenau dimensioniert und Aufsichtspflichten auf belastbarer Grundlage wahrgenommen werden. Unternehmen, die diesen Schritt vollziehen, gewinnen mehr als Sicherheit.

Sie gewinnen eine Sprache, in der sich Cyberrisiken mit anderen Unternehmensrisiken vergleichen und abwägen lassen. Und das ist letztlich die Voraussetzung dafür, dass aus dem Thema Cybersicherheit echte Unternehmenssteuerung wird.

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